top of page
  • Facebook
  • Instagram
  • Tik Tok

50 oder 100 Kilometer, manchmal beginnt der längste Weg mitten im Leben

vor 5 Tagen
4 Min. Lesezeit

Wie aus einer familiären Veränderung eine gemeinsame Leidenschaft wurde.

Manchmal beginnt ein neuer Weg genau dort, wo ein vertrauter Lebensabschnitt endet.

Bei uns war es der Auszug unserer beiden erwachsenen Kinder. Innerhalb von nur drei Monaten wurde es plötzlich still in unserer Wohnung. Fast zwei Jahrzehnte hatte sich unser Alltag um die Familie gedreht. Jeder hatte seine Aufgaben, seinen festen Platz. Und plötzlich war da eine Leere.

Zwei Wandernde auf einer Brücke im Wald beim Megamarsch lächeln und zeigen Daumen hoch; im Hintergrund weitere Wanderer.

Besonders mir als Familienmensch fiel diese Veränderung schwer. Meine Frau und ich merkten, dass wir etwas Neues brauchten. Etwas, das uns als Paar wieder mehr gemeinsame Erlebnisse schenkte.

So entstand ziemlich spontan die Idee, gemeinsam zu wandern. Und weil wir offenbar keine halben Sachen machen wollten, meldeten wir uns gleich für den Megamarsch Schaffhausen an: 100 Kilometer in 24 Stunden!

 

Unser erster Megamarsch – und die erste grosse Lektion

Rund eine Woche vor dem Megamarsch Bern beschlossen wir, zuerst einmal die 50 Kilometer auszuprobieren. Ohne grosse Vorbereitung, mit gewöhnlichen Turnschuhen, Sportsocken und viel zu viel Proviant standen wir am Start. Ziemlich blauäugig, aber voller Selbstvertrauen.

 

Die ersten zehn Kilometer liefen hervorragend. Viel zu schnell, wie wir später feststellen sollten. Wir fühlten uns grossartig und dachten: «Das wird ein Klacks!»

Doch nach ungefähr 20 Kilometern wurde es zunehmend stiller. Die ersten Blasen machten sich bemerkbar, die Beine wurden schwerer und die Euphorie verschwand. Falsche Schuhe, ungeeignete Socken, ein zu hohes Anfangstempo und eine schlechte Verpflegungsstrategie forderten ihren Tribut. Nach rund 32 Kilometern mussten wir aufgeben.


Zwei Wanderer im graffitibedeckten Tunnel beim Megamarsch; der Mann lächelt und zeigt Daumen hoch.

 

Die Enttäuschung war riesig. Wir waren am Boden zerstört und überlegten ernsthaft, die bevorstehenden 100 Kilometer in Schaffhausen abzusagen.

Doch nach und nach kam die Motivation zurück. Wir wollten diesen Rückschlag nicht einfach auf uns sitzen lassen. Also begannen wir, uns mit dem Langstreckenwandern auseinanderzusetzen, informierten uns über Ausrüstung, Ernährung und Tempoeinteilung und trainierten auf längeren Wanderstrecken. Viel Zeit blieb uns nicht. Aber wir wollten sie sinnvoll nutzen.

 

Schaffhausen: Nass, erschöpft und überglücklich

Dann kam Schaffhausen. Und mit diesem Tag ein Erlebnis, das ich wohl nie vergessen werde.

Es regnete den ganzen Tag. Wir waren durchnässt, müde und erschöpft. Wir hatten gemeinsam gelitten, uns gegenseitig motiviert und immer wieder Kraft gegeben. Und dann standen wir nach 50 Kilometern tatsächlich gemeinsam am Zwischenziel.

 

Meine Frau hatte zum ersten Mal in ihrem Leben 50 Kilometer geschafft. Wir umarmten uns, betrachteten voller Stolz ihre Medaille und waren einfach nur glücklich. Wir hatten Bern getrotzt. Wir waren wieder aufgestanden. Und diesmal hatten wir es geschafft!

 

Lachendes Paar in Regenjacken läuft Hand in Hand auf einem nassen Weg im Regen beim Megamarsch, im Hintergrund weitere Wanderer.

Dieser Augenblick war unglaublich emotional. Und eines wussten wir bereits: Das wollen wir wieder erleben! Ich selbst fühlte mich noch gut, lief weiter und erreichte schliesslich nach 100 Kilometern das Ziel. Ein unvergessliches Erlebnis. Wenn der Körper müde wird und der Kopf auf Reisen geht. Mittlerweile haben wir mehrere 50-Kilometer-Märsche absolviert, und ich durfte bereits zweimal die 100 Kilometer bewältigen. Eines habe ich dabei gelernt: Kein Megamarsch ist wie der andere.

 

Manchmal kommt die Krise nach 25 oder 30 Kilometern. Manchmal bleibt sie ganz aus. Wetter, Tagesform, Ernährung und mentale Verfassung spielen eine entscheidende Rolle. Doch 100 Kilometer sind noch einmal eine andere Liga. Ab etwa Kilometer 70 erlebe ich manchmal etwas, das sich nur schwer beschreiben lässt. Der Körper läuft weiter, die Gedanken werden ruhiger und plötzlich entsteht eine Art Tunnel. Man ist ganz bei sich selbst, beinahe eins mit dem eigenen Rhythmus. Die Dunkelheit, das Licht der Stirnlampen, die Geräusche der Natur und irgendwann der Übergang von der Nacht zum Tag. Alles fühlt sich intensiver an.

 

Natürlich ist das körperlich und mental anspruchsvoll. Aber gleichzeitig empfinde ich in solchen Momenten eine tiefe Ruhe und Zufriedenheit. Es ist ein Gefühl, das ich manchmal am liebsten noch lange festhalten würde.

 

Was es wirklich braucht, um 50 oder 100 Kilometer zu schaffen

Natürlich gibt es Menschen, die ohne grosses Training an den Start gehen und die Distanz schaffen. Doch ich persönlich habe gelernt, wie wertvoll eine gute Vorbereitung ist. Regelmässiges Wandern, längere Trainingseinheiten, eingelaufene Schuhe, passende Socken, sorgfältige Fusspflege sowie eine durchdachte Ernährung und Flüssigkeitsversorgung können einen grossen Unterschied machen. Denn eines darf man nicht vergessen: 50 oder 100 Kilometer sind eine enorme Belastung für den Körper. Auch die Regeneration danach braucht Zeit. Mittlerweile wandern wir beide mit Wanderstöcken, die uns auf langen Strecken wertvolle Unterstützung bieten. Das hatten wir zu Beginn noch nicht. Aber mit jedem Megamarsch lernt man dazu.

 

Zwei lächelnde Läufer halten Medaillen vor der Finisher-Wand von Megamarsch mit Columbia-Logo.

Was mich neben der Natur besonders begeistert, sind die Menschen. Die gegenseitige Unterstützung, ein aufmunterndes Wort oder ein gemeinsames Lachen können gerade in schwierigen Momenten unglaublich viel bewirken. Ich habe grossen Respekt vor jedem, der sich dieser Herausforderung stellt. Ob jemand ins Ziel kommt oder vorher aufhören muss, spielt für mich keine Rolle. Jeder bringt seine eigene Geschichte mit, und jeder zurückgelegte Kilometer verdient Anerkennung. Und das Schönste? Inzwischen konnten wir sogar unsere beiden erwachsenen Kinder für diese Leidenschaft begeistern. Unser Sohn und unsere Tochter haben bei den Megamärschen in Luzern und Bern ebenfalls ihre ersten 50 Kilometer erfolgreich gemeistert.

Was einst aus einer ungewohnten Stille in unserem Familienleben entstand, hat uns auf eine ganz besondere Weise wieder zusammengebracht.

 

Meine Botschaft an alle, die es versuchen wollen

Habt Freude, glaubt an euch und habt Respekt vor der Distanz!

Die ersten zehn Kilometer wird noch gelacht, gejubelt und geplaudert. Nach 20 Kilometern wird es oft stiller. Bei Kilometer 30 findet man seinen eigenen Rhythmus und konzentriert sich darauf, die nächsten zehn Kilometer zu schaffen. Und irgendwo dazwischen kann der Moment kommen, in dem der Kopf zweifelt und der Körper müde wird. Dann darf man sich durchaus selbst motivieren, die Zähne zusammenbeissen und versuchen, über einen schwierigen Moment hinauszukommen. Aber hört auch auf euren Körper. Nicht jeder Schmerz ist harmlos, und die eigene Gesundheit geht immer vor.

Nachts beim Megamarsch lächelt ein Mann im blauen Shirt mit tätowierten Armen; neben ihm steht eine Frau mit Blumen-Cap.

 

Und wenn es diesmal nicht bis ins Ziel reicht?

Dann seid trotzdem stolz auf euch! Auf jeden einzelnen Kilometer, den ihr geschafft habt. Auf euren Mut, überhaupt an der Startlinie gestanden zu haben. Steht wieder auf, richtet eure Krone, lernt aus euren Erfahrungen und versucht es erneut, wenn ihr bereit seid.

Denn am Ende zählt nicht nur, wie weit wir gekommen sind. Sondern auch, was wir auf diesem Weg über uns selbst gelernt haben.


Danke an @hiking_photography_moments

bottom of page